Der Meridian auf der Überholspur - Was nun, Herr Placidus, ...?!
Von Bernd Singer, Hamburg

Wenn man sich kritisch in den Bereich der Astrologie begibt, sie ernsthaft versucht zu betreiben und möglichst Belegbares von unnützem Ballast befreien will, dann trifft man eines Tages unweigerlich auf das Problem der Häuser- und Feldertheorien. Es werden etliche Haussysteme in der praktischen astrologischen Arbeit verwandt und jeder "Nutzer" schwört auf sein jeweiliges System. Daß die Häusertheorien nicht abschließend und in aller Gänze geklärt sind, werden wohl auch die heftigsten Anhänger irgendeiner bevorzugten Theorie wissen, wenn sie auch nur bisweilen deshalb mal ins Staunen geraten, daß ihre Deutungsebene nicht mit einer tatsächlichen Entwicklungs- oder Ereignisebene übereinstimmt. So findet man beispielsweise in der gesamten astrologischen Literatur keinerlei beweiskräftige Erläuterung, warum und wieso einem bestimmten Hausbereich der Besitz, der Nachbar, die Erbschaft, die Freunde usw. zugeordnet sind.
 
Die zugehörigen Erklärungen können nur über eine sinnbildliche Übertragung jahreszeitlicher Entwicklungsschübe - von Flora und Fauna, Temperatur und Tagesrhythmus unseres Planeten - auf die Tierkreiszeichen sein. Diese Ebene der mundanen Tierkreise werden inhaltlich in Individual-"Tierkreise", die sogenannten Haus- oder Feldersystemen eines persönlichen Horoskops, übertragen.

Die Deutung des jahresbezogenen Tierkreises wird auf eine tagesentspechende Erdrotation, die Position zur Sonne und eine geographische Raum-/Zeitgleichung bezogen. Damit erhalten die individuellen Häuser grundsätzlich analoge Aussagen zu den Tierkreiszeichen.

Diese Grundenergien, die sich im Jahreslauf in der Natur abzeichnen, wie Wachstum, Verwurzelung, Raumergreifung, etc. werden zunächst abstrahiert und danach weltlichen Energien der menschlichen Lebensebenen neu zugeordnet. Dies ist für mich die einzig nachvollziehbare Erklärung sinnbildlicher Haus- und Felderinhalte. Die äquale (30°) Raumaufteilung der 12 Häuser entspricht damit einer absolut natürlichen Entsprechungsübertragung des Tierkreises. Die in der Hamburger Schule übliche technische Unterscheidung von MC - Feldersystem und AS- Feldersystem in jeweils einständige Bezugsebenen erscheint als folgerichtig und logisch, wenn man bedenkt, daß das Medium Coeli die Projektion des Ortes auf den Himmelsäquator und der Aszendent die Projektion des Ortes auf die Ekliptik +90 darstellen, also zwei voneinander unabhängige Bezugssysteme.

Der Versuch, alle vorstehend genannten Zusammenhänge in ein Haussystem mit aufeinanderfolgenden Entwicklungsphasen (Haus 1-12) zu packen, in dem sowohl der AS Spitze eines Feldes und gleichzeitig auch das MC als Beginn eines Feldes definiert sind, muss scheitern, da Breitengrade existieren, bei denen zu bestimmten Jahres- und Tageszeiten das MC den AS überholt. (s.Beispiel 1)
 
Beispielgrafik 1:
Die 24-Stunden von Hammerfest am 1.12.1997,
Länge Ost 23°42, Breite Nord 70°40



Während der Meridian sich gleichförmig bewegt, schlägt der Aszendent Kapriolen.  Der Aszendent fällt hinter dem Meridian zurück und wird sogar rückläufig. Dieser Vorgang wiederholt sich während des Winterhalbjahres über dem nördlichen Polarkreis tagtäglich.

Dies stellt sich in allen nichtäqualen  Haussystemen beispielsweise derartig dar, daß das 1. Haus, beginnend mit dem AS,  fortgesetzt wird mit dem 10. Haus, beginnend mit dem MC. Eine Deutung für  Geburtshoroskope in traditioneller Art ist nicht mehr möglich. Ein Stundenhoroskop für  bestimmte Fragestellungen ist nicht mehr möglich. Dies schon ist Beweis genug, daß die inäqualen Haus- und Felrsysteme nicht funktionsfähig sind.  

Der Hinweis auf die Funktionstüchtigkeit in gemäßigten Breiten ist damit auch nicht  zulässig. Vielleicht bewegt sich dort der anwendende Astrologe in einer, seinem eigenen  Deutungssystem immanenten, gedanklichen Rückkoppelungsschleife, die sich in ein geschlossenen, hermetischen System, wie es die astrologische Deutung darstellt, schnell  einstellen kann. Bei dieser Bewertung muß ich unweigerlich an den astrologischen Witz  denken, daß jeder in seinem Radixhoroskop den Punkt 17 Stier untersuchen solle, denn dieser zeige die persönlich wichtigste planetare Struktur des gesamten Lebens. Leichtgläubige beharren darauf, daß dies der relevante Lebensthema-Punkt schlechthin ist.  

Die inhaltliche Aussage, daß sich in extremen geographischen Breitenbereichen sowieso  kein menschliches Leben abspielt, beziehungsweise keines längere Zeit existieren kann,  möchte ich an dem schönen Beispiel der norwegischen Stadt Hammerfest darlegen.  Nur zur Erinnerung: Hammerfest ist die nördlichste Stadt Europas auf der  nordnorwegischen Insel Kvaløy gelegen. Hammerfest hat einen für Norwegen wichtigen  Fischerei- und Walfanghafen. Weiterverarbeitende Industrie ist dort ebenfalls angesiedelt und erstellt Fischprodukte und Konserven. Die Einwohnerzahl beträgt mehr als 7000.  Was soll nun der Astrologe einem solchen "armen" Einwohner sagen, der Hochzeit  feiern will, Kinder bekommt, Krankheit durchlebt, allgemeine Lebensprobleme hat, dem  all das widerfährt, was auch einen Mitteleuropäer auszeichnet, außer vielleicht dem uns nicht vergönnten Erlebnis eines halbjährigen Polartages und einer solchen Nacht.  Hier, in einer doch noch relativ moderaten nördlichen Breite von 70°40', wo tatsächlich  Kinder in Schulen unterrichtet werden, Kraftfahrzeuge auf Straßen fahren, wo Computer in Firmen betätigt werden und Lokale existieren, wo es einen wirklichen Alltag gibt, hier sagt zu bestimmten Zeiten im Jahr jedes Haussystem adieu, was AS und MC in einen Felderbezug bringen will.  Als exemplarisches Beispiel siehe unten das Horoskop vom 1.12.1997, 12:00 MEZ,  Hammerfest. Es ist ein solches für die Haussysteme der Hamburger Schule.

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