Astrologische Häusersysteme - Entstehung, Berechnung, Bewertung
Von Ralph William Holden, Chiron Verlag, ISBN 3-925100-37-7

Buchbesprechung aus  Hamburger Hefte 2/2002
von Michael Feist

Bereits Anfang der 80er Jahre hatte ich die Gelegenheit, das o.g. Buch des Australiers Ralph William Holden in der englischen Ausgabe zu lesen. Zwischenzeitlich wurde es von Reinhardt Stiehle (Chiron Verlag) ins Deutsche übersetzt - eine gute Gelegenheit, sich den dargestellten Themen in der eigenen Sprache erneut zu widmen.

Wie schon aus dem Untertitel ersichtlich, unterteilt sich das Buch grob auf drei Abschnitte:

Nach lesenswerten Hinweisen zur Häuserteilung, Häuserstreit und Theorie der Häuser, finden wir am Anfang einen äußerst gelungenen historischen Rückblick zur Entstehung der Häuser, was gleichfalls ein Rückblick auf die Entwicklung der Astrologie bedeutet. Bereits an dieser Stelle weist uns Ralph William Holden auf die unterschiedlichen Konzeptionen der jeweiligen Systeme hin.

Im zweiten Abschnitt geht der Autor detailliert auf 14 der gebräuchlichsten Häusersysteme ein. Im Vordergrund steht nicht die praktische Arbeit, sondern der konzeptionelle Aufbau sowie die Berechnung des jeweiligen Systems. Zur besseren Übersicht und Vergleichbarkeit schlägt Ralph William Holden die Klassifizierung der Häusersysteme in 3 Teilen vor:

Ekliptikale Methoden:
Diese basieren auf der Theorie, dass die Teilung der Ekliptik zur Errichtung der Häuser verwendet wird.

Als Ekliptikale Methoden werden behandelt: Äquale Häusermethode, Porphyrios, Natürliche Graduierung und die M-Häuser.

Raumsysteme: Diese Methoden gehen grundsätzlich vom Himmelsraum aus, ohne dessen Bezug zur Ekliptik zu berücksichtigen. Der Raum wird trigonometrisch in gleiche Abschnitte geteilt und die Sphäre wird zuerst in Häuser aufgeteilt und erst danach wird die Relation von Ekliptik und Häusern gesucht.

Als Raumsysteme werden behandelt: Campanus, Regiomontanus, Morin, axiale Rotation (=Wittes MC-Häuser), Zenit- bzw. Azimuthäuser und die Ostpunkt-Methode.

Zeitsysteme: Hier bildet die Idee der Rotation und als Konsequenz das Entstehen gleicher Zeiteinheiten die Grundlage für die Häuserspitzen. Es wird also die Zeit und nicht der Raum oder Ekliptik eingeteilt.

Als Zeitsysteme werden behandelt: Alcabitius, Placidus, Geburtsorthäuser (GOHS, "Koch") und das topozentrische Häusersystem.


Im letzten Abschnitt beschäftigt sich der Autor mit einigen Problemen bei der Teilung der Häuser, wie z.B. dem Breitenfehler und Hausspitzen in polaren Regionen, bevor er zu einer abschließenden Bewertung kommt. -

Die Informationen sind in dem Buch äußerst detailreich zusammengefasst worden. Wenn Sie sich für die Häuserthematik interessieren, dann sollte dieses Buch auf jeden Fall auch in Ihrem Buchregal stehen.

Ich möchte mich nun einem besonderen Aspekt des Buches widmen, denn aus Sicht der Hamburger Astrologen muss ich (ein wenig) den positiven Eindruck dämpfen, den das Buch vermittelt. Direkt werden die von uns angewendeten Haussysteme nicht angesprochen. Dies wäre zunächst kein Kritikpunkt, doch leider geht der Autor davon aus, dass Witte die Häuser ablehnte:

"Durch Zurückweisung der Häuser haben Kepler, Witte und Ebertin eines der wichtigsten Konzepte zur Individualisierung des Geburtshoroskop aufgegeben. Ohne Häuser kann man nicht mehr so aussagekräftig Deutungen über die individuelle Natur einer Person machen. Die Interpretationen werden allgemeiner und passen zu einer größeren Anzahl von Geburten zum selben Zeitpunkt. Lediglich der aufsteigende Grad (AC) und der Kulminationspunkt (MC) bleiben übrig, um die Potentiale der Persönlichkeit zu differenzieren." (S.27)

Der Autor zeigt mit diesem Satz, dass ihm die Konzeption der Witte-Technik gänzlich unbekannt ist. Dieses ist um so bedauerlicher, da R.W. Holden selbst - gut begründet - einer Äqualen Häusermethode den Vorrang gibt, die auch die Hamburger Astrologen seit 80 Jahren verwenden.

Auch in anderer Weise rennt R.W. Holden unbewusst offene Tore der Hamburger Schule ein. Nach seiner Ansicht ist die Verwendung der arabischen Punkte (Sensitive Punkte) einzig und allein mit Äqualen Häusern sinnvoll:

"Der Gebrauch speziell dieses arabischen Punktes [gemeint ist hier der Glückspunkt] ist auch in der modernen Astrologie durchaus üblich. In unserer Diskussion der äqualen Manier haben wir gesehen, dass die Regel zum Auffinden des Glückspunkt eine einfache Rechenaufgabe ist [AS+MO-SO], tatsächlich ist der Glückspunkt die Hausposition des Mondes, wenn man das Horoskop, ausgehend von der Stellung der Sonne, in zwölf 30° Abschnitte einteilt. Anders gesagt, das solare Mondhaus.

Die Bedeutung des Gesagten liegt darin, dass die Hausposition des Glückspunktes nur dann signifikant ist, wenn dieselbe Methode der Häuserteilung für den Aszendenten und für die solaren Häuser verwendet wird. Damit ist die äquale Manier gemeint. Es ist ziemlich unkorrekt, den Glückspunkt in ein Horoskop einzuzeichnen, dem eine andere als die äquale Teilung zugrunde liegt." (S.122).

Die historische Überlieferung der Sensitiven Punkte erläutert R.W. Holden wie folgt:

"[Die vermutlich interessante] Neuerung waren die Himmelslose, auch arabische oder sensitive Punkte genannt. Hierbei handelt es sich um eine Reihe von Häusern, die durch die Teilung der Ekliptik in zwölf 30° Abschnitte errechnet werden, die ihren Ausgang von der Sonne, dem Mond oder einem Planeten nehmen. [..] Die arabischen Punkte sind demzufolge nur eine Variation der äqualen Häusermethode, setzen aber lediglich die Sonne oder jeden anderen Planeten anstelle des Aszendenten an die Spitze des ersten Hauses." (S.47).

An dieser Stelle ist der Hinweis notwendig, dass Witte - von ihm begründet - sich nicht in jedem Fall an die historischen Vorgaben gehalten hat. So beginnen z.B. bei uns die Sonnen- und Planetenhäuser mit der Spitze des 4. Hauses.

Wie gesagt, R.W. Holden ging fälschlicherweise davon aus, dass wir nicht mit Häusern arbeiten. Indirekt beschreibt er allerdings die Grundlagen für unsere Häuser. Für mich ein Grund, das Versäumte nachzuholen und unsere Haussysteme thematisch in das Buch zu integrieren:

Die von der Hamburger Schule verwendeten Häuser gehören mit Ausnahme der MC-Häuser zu der Klasse der Ekliptikalen Methoden. Das von den Hamburgern verwendete AS-Haussystem stellt eines der ältesten äqualen Häusermethoden dar, und auch die von uns verwendeten äqualen Planeten-Häuser gehen auf historische Quellen zurück. Dies ist nicht weiter verwunderlich, denn Alfred Witte wies eindringlich auf die Bedeutung historischer Quellen hin und viele von ihm propagierte methodische Herangehensweisen sind im Ansatz bereits in der Tetrabiblos des Claudius Ptolemaeus (ca.100-178 n.Chr.) zu finden.

In der Klasse der Ekliptikalen Methoden stellt R.W.Holden das System der M-Häuser vor, dieses System sollte nicht mit den Hamburger MC-Häusern verwechselt werden, wenngleich es interessante Parallelen aufweist.

Auf diese Parallelen möchte ich näher eingehen:

Die M-Häuser gehen auf ein Forschungsprojekt der Londoner Astrological Lodge of the Theosophical Society von 1952 zurück. Wie bei den Hamburgern üblich, propagierte die Gesellschaft die Verwendung des Systems der äqualen M-Häuser nicht als eigenständiges System, sondern schlug zusätzlich die parallele Verwendung der äqualen Aszendenten-Häuser vor.

Bei den Londoner M-Häusern markiert das MC ebenfalls die Spitze des 10.Hauses, doch im Unterschied zu unserer Methode wird die Ekliptik in 12 gleiche Abschnitte zu je 30 Grad aufgeteilt. Alfred Witte dagegen teilte den Äquator in 12 gleiche Teile und rechnete diese anschließend auf die Ekliptik um.

Bei den Hamburger MC-Häusern ergeben sich daher kleine Abweichungen zu den äqualen M-Häusern.

-- In der Praxis wird von den Hamburgern oftmals die Ungleichheit der eigenen MC-Häuser nicht ausreichend berücksichtigt, weil einige Astrologen der einfachen Handhabung der 360°-Scheibe mit der statischen 30°-Häuserteilung den Vorzug vor zusätzlichen Berechnungen geben. --

Wittes MC-Häuser, gehören zu der Klasse der Raumsysteme.

In R.W.Holdens Buch finden sich diese Häuser konzeptionell in dem System der "axialen Rotation" wieder. Zu diesem Haussystem bemerkt der Autor:

"Eine logisch konsequente Vereinfachung des Morin-Systems wurde von dem australischen Astrologen Zariel (David Cope) um die Jahrhundertwende vorgeschlagen. Ursprünglich zog die Methode wenig Aufmerksamkeit auf sich, wurde jedoch in den fünfziger Jahren von den amerikanischen Astrologen Bruce Lloyd und Garth Allen unter dem Begriff 'Axial Rotation System' wiederbelebt."

Aus Sicht eines Hamburger Astrologen ist es recht amüsant zu lesen, dass ein System wiederbelebt wurde, mit dem ununterbrochen gearbeitet wurde. Wir müssen allerdings bedenken, dass der Weg zu diesem System naheliegend ist. Denn berechnet man ein Horoskop auf 0° geografischer Breite, so fällt auf, dass die Häusergrößen von Campanus, Regiomontanus, Morin, Alcabitius, Placidus, GOHS ("Koch") und das Topozentrische System mit denen der axialen Rotation bzw. MC-Häuser identisch sind.

Lediglich in der Einbeziehung der geografischen Breite > 0° kommen diese Häusersysteme - aufgrund der unterschiedlichen Konzeption - zu anderen Hausgrößen.

Für Alfred Witte gehören MC und AC zu unterschiedlichen Bezugssystemen, weswegen er sich für die Aufteilung in zwei Häusersysteme aussprach. Auch die genannte Londoner Gesellschaft bestätigte 30 Jahre später mit ihren M-Häusern und A-Häusern diesen Gedanken im Ansatz, wenngleich sie äquale M-Häuser bevorzugte.

Interessant ist übrigens, dass R.W. Holden darauf hinweist, dass die leicht inäqualen Häuser der axialen Rotation (MC-Häuser) scheinbar Vorteile gegenüber den Londoner M-Häusern haben (S.125). Das ist insofern erstaunlich, da er eigentlich einer äqualen Häusermethode den Vorrang gibt.

Die thematische Integrierung des Witteschen Hausystems in das Buch von Ralph William Holden zeigt, dass das Buch auch für unsere Arbeit von großem Interesse ist. Der Autor ging zwar fälschlicherweise davon aus, dass wir nicht mit Häusern arbeiten. Bei uns hätte er jedoch viele Parallelen zu seinen eigenen Vorstellungen finden können.

Michael Feist
Hamburger Hefte 2002/2 - Nr. 166, Seite 53

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